8. Jan, 2020NAVIS

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg und zugleich Mitglied des Aufsichtsrates der NAVIS AG hat am 4.1.2020 im Hamburger Abendblatt einen Gastbeitrag zu den Risiken und Chancen für das neue Jahrzehnt veröffentlicht, den wir Ihnen im folgenden gern zur Verfügung stellen:

” Nie zuvor haben in Deutschland so viele Menschen so lange, so gesund und so gut gelebt und hatten so viele Personen einen so gut bezahlten Job wie heute. Trotzdem dominieren am Beginn des neuen Jahrzehnts Ängste und Sorgen den Ausblick auf die Zukunft. Seit Wochen stehen „Der größte Crash aller Zeiten“ von Marc Friedrich und Matthias Weik, „Weltsystemcrash“ von Max Otte sowie „Machtbeben: Die Welt vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten“ von Dirk Müller ganz zuoberst auf den Bestsellerlisten der Buchverlage.

Neben in der Tat gewaltigen Risiken gibt es jedoch ebenso viele Chancen dafür, dass die 2020er-Jahre eine sehr gute Dekade werden. Dafür spricht zuallererst, dass weltweit mehr Menschen mehr Wohlstand wollen und deshalb mehr Produkte, Dienstleistungen und kluge Problemlösungen als jemals zuvor  nachfragen werden. Die Forschungsabteilung der Vereinten Nationen schätzt, dass die Weltbevölkerung in der nächsten Dekade um zehn Prozent ansteigen wird – von heute 7,7 Milliarden Menschen bis 2030 auf 8,5 Milliarden. Allein um das Mehr an Menschen mit dem Allernötigsten ausstatten zu können, wird die globale Güternachfrage nicht ab-, sondern massiv weiter zunehmen. Bei allen Fortschritten, die es gerade auch in den 2010er-Jahren in substanzieller Weise gab, bleibt die überragende Mehrheit der Weltbevölkerung unverändert arm.

 

Enorme Nachfragesteigerung

Somit wird auch in den 2020er-Jahren das weltweite Streben der Massen nach weiter verbesserten Lebensbedingungen zu einer enormen Nachfragesteigerung führen. Das gilt für alle Konsumgüter des täglichen Bedarfs, zu deren Herstellung und Transport dann genauso auch mehr Investitionsgüter – also Maschinen, Fabrikanlagen und Infrastruktur – erforderlich sein werden. Deutsche Firmen (und deren Beschäftigte) erfüllen alle Voraussetzungen, um vom Nachfragewachstum in besonderem Maße profitieren zu können. Denn sie sind in vielen Bereichen der industriellen Produktion und der Logistik unverändert weltweit führend. Wie jedoch „Fridays for Future“ eindrücklich einfordert, dürfen die Aufholprozesse einer wachsenden Weltbevölkerung nicht mit einem „Weiter so wie bisher“ bewältigt werden. Allerdings hilft die von den Aktivisten zum Maß aller Dinge erhobene „Verzichts- und Verbotsstrategie“ nicht wirklich weiter.

 

Völlig neue Herstellungsverfahren sind nötig

Askese mag im hoch entwickelten Europa als neuer Lifestyle breite Akzeptanz finden. Für die bevölkerungsstarken, aber ökonomisch weit weniger wohlhabenden Gesellschaften in Südostasien, Lateinamerika oder Afrika ist Verzicht schlicht ein No-Go. Wer ohnehin kaum etwas hat, kann und will nicht noch einmal weniger haben. Allein klima- und umweltschonende Innovationen vermögen, Erwartung und Anspruch von Milliarden Menschen auf ein besseres Leben mit der ökologischen Tragfähigkeit der Erde in Einklang zu bringen. Alles andere muss scheitern.

Das Know-how und Wissen, die Implementierung und das Management ökologisch und ökonomisch effizienter erneuerbarer Energien genauso wie emissionsarmer oder gar -freier Antriebstechnologien und klima- und umweltgerechter Produktionsabläufe dürften vor allem in und aus Deutschland nachgefragt werden, das weltweit jetzt schon bei der ökologischen Transformation zu den Spitzenreitern gehört. Algorithmen und künstliche Intelligenz schließlich werden dafür sorgen, dass in den 2020er-Jahren nahezu alles klima- und ressourcenschonend(er) erledigt werden kann. Sie werden Verhaltensweisen und Verwendung optimieren, Fehler und Verschwendung verringern sowie Misswirtschaft verhindern. Menschliche Dummheit durch künstliche Intelligenz abzulösen, verlangt hingegen nach völlig neuen Herstellungsverfahren, Produktionsprozessen, Logistikketten,Transportkanälen, Abrechnungs-, Finanzierungs- und Versicherungssystemen.

 

Enorme Investitionen sind erforderlich

Ein „öko logisch“ – also sowohl ökologisch wie ökonomisch – kluges  Wirtschaftssystem zu entwickeln, zu nutzen und zu verbessern wird enorme Investitionen erfordern. Diese wiederum werden für neue Nachfrage, Beschäftigung und damit Wirtschaftswachstum sorgen – auch und gerade in Deutschland. Am Beginn eines neuen Jahrzehnts zeigt sich: Deutschland hat das Potenzial, die 2020er-Jahre zu einer Boom-Dekade zu machen. Damit tatsächlich gelingt, was möglich ist, gilt es, den lähmenden Pessimismus abzuschütteln, die Crash-Literatur ins Regal zu stellen und stattdessen die Chancen mit Mut und Zuversicht zu ergreifen. Trau dich ! “

 

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